• Lhea

Vollmondritual

Aktualisiert: März 15


Vor drei Tagen, am letzten Vollmond, war ich mit einer Freundin, die auch Teil des Frauennetzwerkes ist, am See zu einem Vollmondritual. Bereits zwei Tage zuvor hatte ich den starken inneren Wunsch gespürt, mich an diesem Vollmond am See aufzuhalten. Die Kraft der Mondin zog mich an, wie die Flut. Ich war also diesem Impuls gefolgt, und hatte spontan meine Freundin angerufen, die begeistert zugesagt hatte, mich zu begleiten. Wir hatten uns für 22Uhr am See verabredet. Zuerst schien es, als wolle die Mondin gar nicht hinter den finsteren Wolken hervorkommen. Stattdessen regnete es sanft. Wir entschieden uns dennoch zum See zu fahren. Die Kraft der Mondin war nach wie vor unglaublich anziehend. Meinen ganzen Körper zog es, vor allem in Armen, Beinen und Bauch, zum Wasser. Ich spürte, wie die Gezeiten, die 90 Prozent Wasser in meinem menschlichen Körper, in Bewegung hielten. Schliesslich fuhren wir los. Die letzten 20 Meter rollten wir fast lautlos ans Ufer. Uns bot sich ein Schauspiel echter Magie: Am See hatte es zu stürmen begonnen. Das grellorange Licht der Sturmwarnungslampe am Ufer nördlich von uns, schnitt durch die Nacht. Wir selbst befanden uns mit unserem Auto in einem Wirbel aus goldenen Blättern, die der Wind den grossen Platanen am Ufer abgenommen hatte. Die feinen Blätter wirkten äusserst machtvoll, wie der Sturm sie so in dynamischen Kreisen durch die Luft schob.

Wir beide blickten uns an, und wussten ohne Worte zu wechseln, dass es Zeit war, aus dem Auto zu steigen um uns mit der Natur zu verbinden. Der Wind pustete unsere langen Haare wild umher. Wir lachten mit ihm. Langsam schoben wir uns im Blätterregen zum Ufer. Die weissen Schaumkronen der Wellen, die klein aber kraftvoll an die Küste rollten, schimmerten als Einzige in der sonst tiefschwarzen Nacht. Von der Mondin noch immer keine Spur. Während meine Freundin den Wind mit weit geöffneten Armen auf ihrer Brust empfang, begrüsste ich das Wasser. Meine Hände lagen ganz ruhig in der Flut. Das Wasser war eiskalt. Ich spielte noch einen Moment mit dem Gedanken ganz hinein zu steigen, liess diese Idee dann aber gleich fröstelnd wieder los.


Der einzige Ohrring, den ich heute trug, gehörte meiner Mutter. Er war aus Perlmutt, gestreift, mit schwarzem Stein. Ich nahm ihn ab und hob ihn ins Wasser. Die Wellen wuschen über ihn hinweg. Ich spürte eine tiefe Zufriedenheit mich durchströmen. Alles war richtig. Alles so, wie es ist.

Ich dankte dem Wasser, dass es uns empfangen hatte und uns mit ihm durch die Vollmondnacht wogen liess. Einen kurzen Moment später begann das Perlmutt in meinem Ohrring zu schimmern. Ich hob den Kopf und… tatsächlich. Die Mondin war gekommen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch meine Freundin sich dem hellen Schein zugewandt hatte. Das Licht der Mondfrau leuchtete auf ihrer Haut. Sie sah schön aus, so verbunden mit Mond, Nacht und der rohen Natur. Ihre Augen waren geschlossen und sie genoss es sichtlich, hier zu sein. Ich freute mich für sie und fragte mich zugleich, wie es nur wäre, wenn jede Frau, jeder Mensch sich die Zeit nehmen könnte, um innere und äussere Gezeiten zusammen kommen zu lassen. Zeit zum Spüren, Impulsen folgend. Das hier war wie ein Schmelzen in etwas Grösseres hinein. In den Mond? In unsere Körper? Ich weiss es nicht. Ich weiss auch nicht, wie lange wir beide so unter dem Vollmond standen. Meine Zellen hatten sich vollkommen vereint mit den Klängen der Sturmnacht, dem Rhythmus der Wellen, dem Licht der Mondfrau. Nichts geschah und doch so viel.

Ich war glücklich. Glücklich, auf die Zeichen meines Körpers geachtet zu haben. Zu lernen, der Sprache meines Körpers immer mehr zu vertrauen, und meinen Weg in diesem Vertrauen zu beschreiten.

Ich hatte mich dieser Vollmondnacht bedingungslos hingegeben. Ihr alles gegeben, was ich bin. Alles erhalten, was ich hatte haben können. Alles war richtig. Zu zweit hatten wir Rohheit, Wildheit, Schönheit, Spiel, Muse, Hingabe, Hoffnung, Dunkelheit & Verbundenheit erlebt. Wir hielten uns im Arm und liessen die Nacht wirken. Teilen ist Heilen.

Ich bin so dankbar.

Danke Désirée, dass du mich begleitet hast. Danke Mondin, dass ich dich begleiten durfte.


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