• Lhea

Erinnern, vergessen, und mittendrin wir



Momentan bin ich in Olinda, Brasilien, im Bundesstaat Pernambuco. Ich tauche ein in ein Land, das mich bunt und laut willkommen heisst. Es ist meine erste Reise in eine südamerikanische Grossstadt. Unsere Unterkunft liegt in einem Touristenviertel. Die Häuser sind bunt angemalt. Musik schallt aus offenen Fensterläden auf die Strassen. Ich sehe Menschen, die vor einer Bar tanzen, und fühle mich gleich willkommen.

Mit Anbruch der Nacht gesellen sich immer mehr und neue Klänge zur Strassenmusik dazu. Durch die Gitterstäbe unserer Unterkunft schaue ich fasziniert und auch ein bisschen sehnsüchtig auf die tanzende Meute hinunter. Gerne würde ich mittanzen, aber ich bin müde vom langen Flug über den Atlantik und falle schon bald in einen tiefen Schlaf. Tropisch-feuchte Hitze weckt mich am nächsten Morgen.

Ein neuer Tag. Vor dem kleinen Supermarkt spielen Kinder und Hunde auf der Strasse. Zwei Jungen im Teenalter stehen plötzlich vor mir. Ihre Hände wirbeln schnell und akkurat Palmblätterstreifen um einen Holzspiess. Sie reden auf mich ein, portugiesisch. Ich verstehe kein Wort. Gerade mache ich mich von ihnen los, da strecken sie mir die fertig gebastelten Palmblumen entgegen und halten ihre Hand auf. Münzen habe ich keine, also lasse ich ihnen einen Schein da. Sie rennen davon. Verstört stolpere ich den Supermarkt. Eine Duftwolke aus exotischen Früchten erschlägt mich beinahe. Ich ziehe den schweren, süssen Duft tief ein. Love is in the air... Für einen Moment fühle ich Frieden.

In den kommenden Tagen stelle ich fest, dass dieses Brasilien jenseits all meiner Erwartungen liegt, die ich nie hatte. Wie ein Kind, das nicht versteht, aber lernen will, halte ich meine Augen offen, schaue hierhin und dorthin. Die Szenen wiederholen sich: barfüssige Kinder mit glasigen Augen und Plastikflaschen unter der Nase, der Duft frischer Früchte, Wellblechhütten, Strassenverkäufer, ..., und überall Musik. Ich schlafe die ersten fünf Tage alle zwei Stunden ein. Essen kann ich nicht. Es gibt so schon genug zu verdauen. Ich gönne meinem Körper die Ruhe, die er ganz offensichtlich braucht. Und tatsächlich - als ich mich wieder unter Leute wage, meide ich deren Blicke, wimmle die Kinder ab, kaufe kein Popcorn mehr, das einem an den roten Ampeln durchs heruntergelassene Autofenster beinahe in den Schoss gedrückt wird, starre die Einarmigen und Einbeinigen nicht mehr an, handle den Taxifahrer nicht mehr herunter. Die Fröhlichkeit der Strassenmusik macht mich jetzt auch traurig. Nackte Füsse hüpfen zwischen Plastikmüll und Zigarettenstummeln. In mir, zieht sich mein Herz zusammen. Die Menschen auf der anderen Strassenseite tanzen immer noch.

Ich atme in die Enge. Ich atme die Schönheit und den Schmerz. "Some dance to remember, some dance to forget."* Die Songzeile wird zu einem Dauerloop in meinem Kopf.

Einmal mehr, fühle ich mich gefragt mein Herz offen zu behalten, um den Bildern und Gefühlen ihren Weg heim zu ermöglichen. Tränen fallen zur Erde während ich mich atmen lasse, von ihr - der Quelle aller Quellen, wo alles eins ist. Unendlicher Raum ist in unserem Herz.

Dies ist mein Tanz. Ein Tanz zwischen den Polen. Zwischen Offenheit und Abgrenzung, zwischen Leere und Fülle, zwischen Demut und Selbstachtung. Und auch ich erinnere mich, habe beschlossen nicht davonzutanzen, sondern im Auge des Sturms mir immer wieder zu begegnen. Hier stehe ich also, mit schlotternden Beinen und einem offenen Herzen, bereit für die Erinnerung an den Schmerz, jedoch in der Gegenwart von Unverletzlichkeit. Das Herz ist unendlich. Ich lasse die Beine also zittern, mein Herz glüht. 30 Grad im Schatten. Musik nebenan. Some dance to remember, some dance to forget...

*Lied von The Eagles - Hotel California


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